Der Gesang bringt Freundschaft nach Südafrika

Afrikonzert3HPDas hat es im Evangelischen Dekanat Vorderer Odenwald bisher noch nicht gegeben: Vom 5. bis 19. April reist ein ganzer Projektchor nach Südafrika, um die Partnergemeinden in Kapstadt zu besuchen. Eine Kostprobe dessen, was dort zu hören sein wird, gab es am vergangenen Wochenende in Reinheim und Heubach.

Die Kirche in Heubach ist am Sonntagabend nahezu voll besetzt, als an der Kirchentür plötzlich ein Trommeln erklingt. Der Chor geht trommelnd, tanzend und singend den Gang nach vorne zum Altarraum. Das Publikum ist sogleich mittendrin im Geschehen.

Früher hätten sich die Menschen Postkarten geschrieben und von ihren Erlebnissen berichtet, führt Chorleiter Matthias Ernst ein und begrüßte zum „Ansichtskartenkonzert“.  Die Gäste des Abends erwartet ein abwechslungsreiches Programm: geistliche Lieder unter anderem von Heinrich Schütz, Felix Mendelssohn-Bartholdy und Johann Sebastian Bach, deutsche Volkslieder, afrikanische Traditionals, die deutsche und die südafrikanische Nationalhymne. Zwischen den einzelnen Blöcken gibt es immer wieder Erläuterungen – zu den Komponisten, zur Musik, zum Land. Afrikakonzert1HP

Die Nationalhymne Südafrikas werde in den fünf am meisten gesprochenen Sprachen gesungen, und zwar in Xhosa, Zulu, Sesotho, Afrikaans und Englisch, erläutert Pfarrer Christoph Baumann (Schaafheim), einer der Organisatoren. Der erste Teil der Nationalhymne sei ursprünglich ein Kirchenlied gewesen, das sich während der Apartheid immer mehr zum Widerstandslied entwickelte; der zweite Teil nehme die alte Nationalhymne Südafrikas auf. Nelson Mandela wollte damit ein Zeichen setzen, dass das neue Südafrika eine Heimat für alle aufrechten Südafrikaner sein soll, egal ob weiß oder schwarz.  

Von Anfang an in der Partnerschaftsarbeit engagiert
Seit 28 Jahren pflegt das Evangelische Dekanat Vorderer Odenwald eine Partnerschaft mit der Herrnhuter Kirche in Südafrika. Die Kirchengemeinden der „Moravian Church of South Africa“ (MCSA) im Distrikt 3 – Kapstadt – sind vor Ort in sozialen Projekten engagiert. Sie unterhalten Kindergärten und Grundschulen, garantieren ein warmes Mittagessen in verschiedenen Schulen, sind Träger einer Behinderteneinrichtung und von Wohnprojekten für Senioren. Regelmäßig besuchen sich Vertreterinnen und Vertreter der Kirchengemeinden Dieburg, Groß-Zimmern, Münster, Reichelsheim, Reinheim und Wersau und ihre Partnerkirchen in Kapstadt.

Anne Fette aus Dieburg ist von Anfang an in der Partnerschaftsarbeit engagiert. 1988 war sie zum ersten Mal in Südafrika, und danach immer wieder. „Während der Apartheid haben die Menschen fürchterlich gelitten“, sagt sie. Inzwischen, mehr als 20 Jahre nach dem Ende der Apartheid – 1994 wurde Nelson Mandela zum ersten schwarzen Staatspräsidenten gewählt –, habe sich vieles zum Guten gewendet, die Freiheit werde hoch gehalten, aber die Diskriminierungen der Apartheid säßen tief. Es gebe nach wie vor große Armut, Banden und Kriminalität, berichtet Anne Fette.

Mit der Chorreise – ein solches Projekt gab es im Evangelischen Dekanat Vorderer Odenwald noch nie – soll eine neue Form der Begegnung in der Partnerschaftsarbeit ermöglicht werden. So konnten auch Menschen, die bisher noch nicht in der Partnerschaftsarbeit involviert waren, für diese Reise gewonnen werden. Seit Oktober 2014 probt der Projektchor. In Vorbereitung auf die Reise gab es in Zusammenarbeit mit dem Zentrum Ökumene der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) ein interkulturelles Training.

In Kapstadt wird die Gruppe vier Konzerte geben, eines gemeinsam mit den Musikerinnen und Musikern der Partnerkirche vor Ort; das erste am 9. April. Die Organisation der Reise liegt in den Händen von Ökumenepfarrerin Annette Herrmann-Winter sowie den Pfarrern Christoph Baumann (Schaafheim) und Michael Fornoff (Groß-Zimmern). Die musikalische Leitung der Reise hat Dekanatskirchenmusiker Matthias Ernst (Reichelsheim). Die beiden Konzerte am vergangenen Wochenende in Reinheim und Heubach hatten auch das Ziel, das Reisebudget mittels Spenden ein wenig aufzubessern und einen Einblick zu geben, was der Projektchor dort machen wird.

Für Anne Fette schwingt bei der musikalischen Reise noch sehr viel mehr mit. Der Gesang ist für sie eine andere Form der Sprache, mit ihm möchte sie den Menschen in Südafrika Freude bringen, Freundschaft und Vertrauen. „Ich möchte die Menschen durch die Musik begeistern, ihnen nahe kommen“, sagt sie.

Vieles ist gut in Südafrika, aber eben noch nicht alles. Davon zeugt das Lied „Senzenina“ (Was haben wir getan?), das der Chor zum Schluss singt. Solange nicht jedes Kind Zugang zu Bildung habe, sei die Frage „Was haben wir getan?“ noch nicht zuende gedacht, erläutert Annette Hermann-Winter. Es hat etwas Anklagendes, wenn die männliche und die weibliche Stimme miteinander in den Dialog treten, Bilder von Schwarzen und Weißen, von Städten und Landschaften Südafrikas gehen einem durch den Kopf, während der Chor singt. Als er fertig ist, herrscht erst einmal Stille. Dann klatscht das Publikum begeistert. Mit einem Segen sendet Heubachs Pfarrerin Evelyn Bachler den Chor offiziell nach Südafrika aus.

Bildtexte: Der Afrika-Projektchor unter der musikalischen Leitung von Matthias Ernst (Bild rechts) hat bei seinen Konzerten in Reinheim und Heubach unter anderem die deutsche und die südafrikanische Nationalhymne (Bild oben) gesungen. Vom 5. bis 19. April reist der Chor nach Kapstadt.

Text + Fotos: Silke Rummel